Hier schreibt mey
Zur Grundschulzeit war es ein ganz besonderer Tag, das 100-Tage-Fest. An diesem 100. Schultag im Jahr drehte sich alles um die kleinste ganze dreistellige Zahl. Ob sich die Oberhäupter der Republik 100 Tage nach der Wahl auch mit dem Aufkleben von 100 Centmünzen beschäftigt haben? Anfang Januar brachen die Spitzenparteien einen Rekord. Nie zuvor hat es so lange gedauert, eine deutsche Regierung zu bilden. Stolz können die Damen und Herren der Politik darauf sicher nicht sein. CSU-Chef Seehofer lässt sich vom Unwohlsein der Wählerinnen und Wähler aber nicht aus der Bahn werfen und gab vor kurzem an, er rechne mit einer Regierungsbildung Anfang April und scheint sich nicht stressen lassen zu wollen. Dabei gehören gerade die CSU-ler zu jenen, die bezüglich der Sondierungsgespräche am meisten bremsen; Seehofer selbst behält die bevorstehende Landtagswahl Bayerns im Herbst im Auge. Das Bewusstsein für die demokratische Verantwortung scheint bei vielen Politikern zweitrangig zu sein, obwohl der gesunde Menschenverstand doch davon überzeugt sein sollte, eine arbeitende Bundesregierung würde die oberste Priorität setzen. Die SPD ist indes wieder bereit, sich mit den Kollegen anderer Parteien einigen zu wollen. Wurde auch Zeit, denn der bedeutendste Verlust, den die Sozialdemokraten zu befürchten hätten, ist wohl ihre Glaubwürdigkeit – und davon haben sie seit der Wahl schon genug eingebüßt.