– von Udo Krause –

Stettin/Tucheim (ukr). Wieder einmal packte mich das Reisefieber und es ging für mich für einen Kurztrip in das schöne Polen. Im Rahmen meiner ersten Jahresexkursion führte es mich hierbei um Ostern dieses Jahres in die polnische Großstadt Stettin (polnisch Szczecin). Denn unser Nachbar bietet auf relativ kleinem Raum eine Menge an verschiedensten Sehenswürdigkeiten – genug für einen weiteren Besuch.

Polen – Deutschlands Freund im Osten
Dem einen oder anderen wird Polen leider nur aus dem Fernsehen oder aus dem Geografieunterricht ein Begriff sein. Das im Osten an die Bundesrepublik grenzende Land zählt zirka 40 Millionen Einwohner bei einer vergleichsweise ebenbürtig großen Fläche wie der Deutschlands. Oft geht das gegenseitige Wissen über den Nachbarn nicht über Klischees hinaus. Dabei sind es von Berlin keine zwei Autostunden bis zur polnischen Grenze und ein Warten an der Grenze ist hierbei längst vorbei. Polen boomt, überall ist seit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union eine wirtschaftliche Aufbruchsstimmung zu verspüren.

Angekommen in Stettin – Industriestadt an der Oder
Stettin ist die Hauptstadt der polnischen Region Westpommern (polnisch województwo zachodniopomorskie) und liegt im nordwestlichen Teil des Landes in der Ostseeregion an der Mündung der Oder zum Stettiner Haff. Mit knapp 410.000 Einwohnern ist die Stadt die siebtgrößte Polens und nur 150 Kilometer von der deutschen Hauptstadt Berlin entfernt. Stettin ist ein wachsendes Wirtschaftszentrum und besitzt als alte Hansestadt, noch vor Danzig, den wichtigsten Hafen Polens. Außerdem ist Stettin ein international bedeutender Werftenstandort. Die Stettiner Werft war mit rund 10.000 Beschäftigten bis 2009 die größte in Europa. Die Großstadt ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region Pommern. Historisch, kulturell und touristisch bedeutsam sind als Wahrzeichen Stettins unter anderem das Stettiner Schloss, das nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde und seitdem unter dem Namen „Schloss der Herzöge von Pommern“ als Kulturzentrum fungiert. In der Altstadt ist besonders die Philharmonie sowie die 500 Meter lange Hakenterrasse an der Oder zu nennen.
Der historische Stadtkern, die Altstadt, liegt am westlichen Ufer der Oder. Um sie herum legt sich die gründerzeitliche Neustadt. Die Altstadt wurde nach schweren Kriegszerstörungen zu neunzig Prozent zerstört und nur teilweise wiederaufgebaut. Zwischen erhaltenen oder nach alten Unterlagen rekonstruierten Bauwerken stehen zahlreiche sehr einfache Wohnhäuser der 1950er Jahre. Die äußere Neustadt von Stettin dagegen erinnert in ihrem städtebaulichen Grundriss an Pariser Vorbilder. Große, gerade Straßenachsen schneiden sich an repräsentativen Sternplätzen, deren bekanntester der Grunwalder Platz im Norden der Neustadt ist. Hier weht ein französischer Hauch von Joie de vivre um die Oder, da dieser Platz an zahlreiche Pariser Sternstraßenkonstruktionen erinnert.

Wechselvolle Geschichte und Rückkehr zu alter wirtschaftlicher Stärke
Stettin entwickelte sich gegen Ende des zwölften Jahrhunderts zu einem bedeutenden Handelsplatz. 1278 erfolgte die Aufnahme in den Hansebund. Dies weckte zahlreiche Begehrlichkeiten und so wechselte die Herrschaft über die Stadt oft. Stettin kam dabei von 1630 bis 1720 in schwedische Hand. Danach folgte die Einnahme der Stadt durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I. Dieser erwarb die Stadt endgültig durch den Stockholmer Frieden von 1720. Während der napoleonischen Kriege wurde die Festung Stettin 1806 von den Franzosen kampflos eingenommen, die die Stadt bis 1813 besetzt hielten. 1815 wurde Stettin dann Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Stettin–Berlin und der Erweiterung des Hafens entwickelte sich die Stadt auch zu einem wichtigen Industriestandort, deren Niedergang erst mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges endete. Nach dem Krieg erholte sich die Stadt nur langsam. In den Jahren 1970/71 wie 1980 kam es zu Arbeiterunruhen, und neben Danzig wurde Stettin zur Keimzelle der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Einen neuerlichen Boom erlebte Stettin erst seit der politischen Wende der Jahre 1989/90. Seit 2012 wird der Großraum Stettin als grenzüberschreitender Ballungsraum zu einer europäischen Metropolregion in Verbindung mit Berlin entwickelt.

Das Stettiner Umland – Ein Ausflug an die Ostsee
Eine kleine Exkursion unternahm ich und steuerte das Stettiner Umland an. Hierbei ging es in das beschauliche Städtchen Wolin. Die nur knapp 5.000 Einwohner zählende Stadt besitzt eine reizvolle kleine Innenstadt und einen kleinen Hafen. Lange ist es her, da war der Ort im neunten Jahrhundert einer der wichtigsten Handelsplätze der Ostsee und entwickelte sich im zehnten Jahrhundert zu einer Großstadt. Die berühmteste Persönlichkeit, die jemals den Boden der Stadt betreten hat, ist der dänisch-norwegische König Harald Blauzahn, er verstarb 987 in Wolin. Nach ihm ist der wohl allen bekannte Funkstandard „Bluetooth“ (wörtlich übersetzt „Blauzahn“), welcher in modernen Mobiltelefonen weit verbreitet ist, benannt.
Auf der gleichnamigen Insel Wolin befinden sich zahlreiche Seebäder, unter anderem das bekannte Ostseebad Miedzyzdroje (deutsch Misdroy). Wolin ist dabei die mit Abstand größte Insel Polens und grenzt an die deutsche Insel Usedom. Wegen seiner schönen Ostseestrände ist die Insel im Sommer ein beliebtes Ferienziel. Das Seebad ist mit seinem feinsandigen Strand, der belebten Promenade, der abwechslungsreichen Steilküstenlandschaft und diversen Sehenswürdigkeiten vor allem ein beliebtes Ziel. Besonders hervorzuheben ist ebenfalls der Woliner Nationalpark mit dichten Buchenwäldern und wilder Steilklippe, bis hin zu schroff abbrechenden Felswänden. Ganz in der Nähe ist ein Wisentreservat (Ähnlichkeiten mit dem nordamerikanischen Bison), dem Nationaltier der Polen.

Kulinaria à la Polen
Auch kulinarisch gesehen hat die Gegend eine Menge zu bieten. Ein berühmtes Lokalgericht Stettins sind die sogenannten Stettiner Pastetchen (polnisch pasztecik szczecinski). Es handelt sich dabei um gefüllte Krapfen aus Hefeteig. Auch die „Paprykarz szczecinski“ (Stettiner Paprikagericht) genannte Spezialität stellt ein stadttypisches Mahl dar. Dies ist ein leckerer Brotaufstrich aus Fisch, Reis, Zwiebeln, Tomatenmark und Pflanzenöl, mit verschiedenen Gewürzen. Alles ist am besten zu genießen mit Bier und Hochprozentigem. Das gute Hausbier der Stadt stellt dabei die Marke „Bosman“ dar. Nicht zu verachten ist hierbei auch ein Likör namens „Krupnik“. Dieser Honigschnaps stellt eine gute Grundlage für einen geselligen Abend dar und kann sowohl warm als auch gut gekühlt genossen werden.

Stettin – Urlaub in Nordpolen
Polen ist mit seinen kleinen und feinen Städten immer eine Reise wert. Das Land bietet eine Vielfalt an kulturellen Schätzen, nette und unkomplizierte Menschen, dazu eine atemberaubende und teilweise noch unberührte Natur. Wer sich zudem für eine lebendige Kulturszene und kulinarische Spezialitäten interessiert, der ist in Stettin und Umgebung genau richtig. Das alles gibt es zu einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis. Stettin selbst ist vielleicht nicht gerade die schönste polnische Stadt, trotzdem aber eine Reise wert. Das Umland der Stadt ist geprägt von Seen und dichten Nadelwäldern. Nordpolen begeistern sowohl Naturfreunde als auch Kulturinteressierte. Zudem ist die westlichste Stadt Polens mit 50.000 Studenten eine quirlige und innovative Stadt. Die Nähe zu Deutschland macht die Stadt Stettin für einen Wochenendausflug interessant. Also, wie wäre es mal mit einem Ausflug an die Oder und den humorvollen und gastfreundlichen Polen? Viel Spaß beim Reisen in den Osten!