Genthin (püt). In Sachsen-Anhalt nimmt die Population von Wölfen zu. Im vergangenen Jahr konnten im gesamten Land 13 Rudel nachgewiesen werden. Auch im Altkreis Genthin ist der graue Jäger mittlerweile beheimatet. Forstoberinspektor Peter Oestreich vom Wolfskompetenzzentrum Iden folgte am 15. Januar 2018 der Einladung der Kreisvolkshochschule und der Stadt- und Kreisbibliothek Genthin und gab in seinem Vortrag vor zahlreichen Gästen einen realistischen Einblick in Leben und Verhalten des Wolfes.

Der Wolf wird auch im Altkreis Genthin zum Problem. Das beweisen die vielen besorgten Bürgerinnen und Bürger, die dem Wolfskompetenzzentrum im altmärkischen Iden ihre Beobachtungen und getöteten Nutz- und Wildtiere mitteilen. Doch nicht jeder vermeintliche Wolf ist auch einer. Nicht selten werden die grauen Jäger mit freilaufenden Hunden verwechselt. Lebten 2013 noch fünf Rudel in Sachsen-Anhalt, ist die Zahl heute auf 13 angestiegen. Die Einwanderung des Wolfes erfolgt von Südosten nach Nordwesten. Grund hierfür ist nach Einschätzung der Experten die geringe Bevölkerungsdichte in diesem Landstrich. „Die Wölfe kamen von allein in die Region, es wurde kein Tier hier ausgesetzt“, wies Peter Oestreich ausdrücklich hin. Im Land Brandenburg sei der Bestand bereits erreicht. Die Wölfe untereinander fangen bereits an sich tot zu beißen. Die Wachstumsrate beziffert das Wolfskompetenzzentrum mit bis zu vier Welpen je Wurf. Einem Rudel gehören bis zu acht Tiere an. Die Größe des Territoriums, in denen sich die Wolfsrudel bewegen, hängt stets von der Nahrung ab. So könne ein Wolf 70 Kilometer am Tag zurücklegen und sogar Flüsse und Gräben überqueren. Nach wie vor sind aber Wildtiere die Hauptnahrungsquelle. Besonders Wildschweine stehen auf dem Speiseplan des Wolfes. Allein im vergangenen Jahr wurden im Altkreis Genthin 122 Schafe und 43 Rinder durch Wölfe gerissen. Ob es sich bei den getöteten Tieren tatsächlich um Wolfsrisse handelt, ist Aufgabe von Peter Oestreich. Ein wichtiges Kriterium stellt der Zahnabstand in der Bisswunde des toten Tieres dar. „Pfotenabdrücke lassen sich nur schwer zuordnen“, weiß der Fachmann zu berichten. Der Forstoberinspektor ist seit Februar 2017 Nutztierrissbegutachter des Wolfskompetenzzentrums Iden. So weiß der 55-Jährige auch von den bei Karow tot aufgefundenen Kälbern zu berichten. Um die Rinderherde fortan vor Attacken zu schützen, wurde das Weideland umzäunt. Eine andere wirksame Schutzmaßnahme soll die Haltung von Herdenschutzhunden, die Errichtung eines elektrischen Zauns und Untergrabungsschutz sein.
Diese Schutzmaßnahmen können durch das Land Sachsen-Anhalt gefördert werden. Und so stößt es auf Unverständnis, dass der Wolf seit 1990 in Deutschland streng geschützt ist. Da er nicht gejagt werden darf, hat der Bösewicht nur den Straßenverkehr zum Feind. Auch in unserer Region wurden in naher Vergangenheit tote Wölfe am Straßenrand aufgefunden. Diese werden dann durch das Wolfskompetenzzentrum nach Berlin zur Überprüfung der Todesursache überführt. Besonders die in Genthin anwesenden Jäger und Landwirte schüttelten den Kopf, dass sich so sorgfältig um den „Täter“ und nicht um die Opfer gekümmert wird. Wird Wolfsverbiss nachgewiesen, wird der Tierhalter vom Land finanziell entschädigt.
„Jeden Morgen gehe ich mit einem mulmigen Gefühl zu meinen Rindern auf die Weide. Die Dunkelziffer der getöteten Tiere liegt viel höher. Es werden mit Sicherheit nicht alle toten Tiere gemeldet“, sagte Matthias Holzberger aus Genthin. Auch Ralf Geue brachte eindeutige Fakten zur Sprache. Der passionierte Jäger merkte an, dass um Schlagenthin bereits jetzt kein Muffelwild mehr vorkommt. Und auch die Population von Damwild gehe gen null.
Mehrmals wurden vor nicht allzu langer Zeit auch am Umspannwerk vor Altenplathow drei Wölfe gesichtet. „Seit fünf Jahren lasse ich meinen Hund nicht mehr von der Leine“, sagte der Genthiner Jäger. „Der Wolf kann dazugehören, er darf sich aber nicht unbegrenzt vermehren“, sagte Ralf Geue weiter. Und auch von Sichtungen in Redekin, Parchen und sogar am Waschmittelwerk Genthin wurde berichtet. Wer in Wald und Flur auf Wölfe trifft, dem gibt der Wolfsexperte Folgendes mit auf dem Weg: Langsames Entfernen und anschreien wäre zwar empfehlenswert, doch wer sich mit Pfefferspray sicherer fühlt, sollte sich damit ausstatten. Peter Oestreich wies in seinem Vortag auch darauf hin, dass Wölfe sowohl am Tag und auch nachts aktiv sind. Mittels Fotofallen konnte der Wolf bereits an mehreren Orten in der Region nachgewiesen werden.
Der erste Wolf, der sich im Altkreis Genthin bewegte, wurde übrigens 1981 in Nielebock erschossen.