Genthin (püt). Für zwei Wochen war der Archäologe und Mittelalterhistoriker Dominik Petzold im Kreismuseum in Genthin zu Gast. Grund seines Besuches war die Bestandserfassung, Aufarbeitung und Rekonstruktion des im Museum lagernden regionalen Fundmaterials im Rahmen seiner Doktorarbeit „Mittelalterliche Siedlungsgeschichte der Altmark und des Elb-Havel-Winkels vom achten bis zum 14 Jahrhundert“. Redakteurin Benita Pütsch sprach den gebürtigen Havelberger.

Der Genthiner: Wie entstand der Wunsch, Archäologe zu werden?

Dominik Petzold: Als Sechsjähriger war ich oft mit meiner Oma auf ihrem Spargelacker. Dort haben wir Scherben aus dem Mittelalter gefunden und diese im Museum abgegeben. So wurde mein Interesse geweckt.

Der Genthiner: Wie ging es weiter?

Dominik Petzold: Nach dem Abitur studierte ich bis 2011 an der Humboldt-Universität Berlin Archäologie. Vor zwei Jahren erhielt ich das Danniele-Stipendium des Landes Sachsen-Anhalt. Im Rahmen dieses Stipendiums besuche ich die Museen um Fundmaterial aufzuarbeiten und zu rekonstruieren. Vor Genthin war ich bereits in Salzwedel, Stendal, Arneburg und Havelberg. Demnächst werde ich in Jerichow, Tangermünde, Haldensleben und Wolmirstedt zu Gast sein.

Der Genthiner: Welche Aufgaben hat ein Archäologe?

Dominik Petzold: Wenn bei Bauarbeiten Bodenschätze vermutet oder gesichtet werden, sind wir Archäologen gefragt. Das Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege in Halle/Saale bestellt mich und meine Kolleginnen und Kollegen, sobald bei Baumaßnahmen ein Bodendenkmal in Gefahr scheint.

Der Genthiner: Was passiert dann?

Dominik Petzold: Werden auf Feldern beispielsweise Scherben, Metallgegenstände oder auch Münzen entdeckt, wird der Mutterboden zunächst mithilfe eines Baggers abgezogen. Dann machen sich mein Team und ich mit Schaufeln Stück für Stück an die Arbeit, um die Funde nicht zu zerstören.

Der Genthiner: Dann wurden Sie doch sicher auch zur Dokumentation von Fundmaterial an die Deichbaustelle nach Fischbeck gerufen, oder?

Dominik Petzold: Ja. 2015 war ich Leiter der Ausgrabungen beim Neubau des Deiches. Hier wurden bereits in den 40er und 70er Jahren Funde gemeldet. So vermutete das Landesamt für
Archäologie und Denkmalpflege weitere historische Funde. Auf einem Acker haben wir dann unter einer Humusschicht Reste einer Siedlung aus dem fünften und sechsten Jahrhundert entdeckt.

Der Genthiner: Was passiert mit den Funden?

Dominik Petzold: Diese werden dokumentiert, fotografiert und gezeichnet. Keramik und Holzgegenstände werden dann ins Landesamt nach Halle transportiert. Wenn wir unsere Arbeit fertig haben, kann der Bau normal fortgesetzt werden.

Der Genthiner: Was machen private Grundstücksbesitzer, wenn sie beispielsweise in ihrem Garten eine alte Scherbe oder gar ein Gefäß finden?

Dominik Petzold: Um sicher zu gehen, wird beim Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege nachgefragt oder der Fund im Museum abgegeben, um ihn für die Nachwelt zu sichern.

Der Genthiner: Viele Grundstückseigentümer, die auf ihrem privaten Grund und Boden historisch relevante Gegenstände finden, haben doch sicher Angst vor Baustopp.

Dominik Petzold: Private Grundstücksbesitzer müssen keine Angst vor einem Baustopp haben. Nach der Dokumentation des Fundes kann normal weitergebaut werden.

Der Genthiner: Worauf sollte beim Auffinden geachtet werden?

Dominik Petzold: Die Umgebung, in der eine Scherbe oder anderes Material gefunden wird, ist sehr wichtig für die Bestimmung. Für die genaue Deutung des gefundenen Gegenstandes macht es nur Sinn, wenn man genau weiß woher er stammt. Prinzipiell gilt: Relikte der Vergangenheit sind im Erdboden am
besten aufgehoben.

Der Genthiner: Auch Sie als Fachmann haben sicher einiges zu beachten.

Dominik Petzold: In Wäldern und auf Wiesen dürfen auch wir Archäologen nicht graben. Der Boden darf auf keinen Fall zerstört werden. Nur Funde, die sichtbar an der Oberfläche liegen, dürfen abgesammelt werden.

Der Genthiner: Hat das einen Grund?

Dominik Petzold: Ja, sobald in den Boden eingegriffen wird, kann großer Schaden angerichtet werden und eine große Anlage wie beispielsweise ein Gräberfeld zerstört werden. Wenn entscheidende Gegenstände entnommen werden, lässt sich der gesamte unterirdische Fund schwer für die Nachwelt erhalten und dokumentieren.

Der Genthiner: Haben Sie den einen oder anderen „Raubritter“ bereits ertappt während Ihrer Arbeit?

Dominik Petzold: Gerade auf der Deichbaustelle bei Fischbeck waren Sondengänger unterwegs. Diese hätten mit ihrer illegalen Suche unsere mühevolle Arbeit zunichte gemacht. So mussten wir die Polizei einschalten.

Der Genthiner: Wie sieht es mit Holz aus, das im Erdboden gefunden wird?

Dominik Petzold: In der Altmark, entlang der Elbe, wurden in regelmäßigen Abständen Reste von Burganlagen entdeckt. Diese bestanden größtenteils aus Holz. Holz bleibt im Boden sehr gut erhalten und lässt sich anhand der Jahresringe, beispielsweise an Pfosten, genau zurückdatieren.

Der Genthiner: Alle Funde werden dem Erdboden doch sicher nicht entnommen, oder?
Dominik Petzold: Nein, es werden nur Proben entnommen. Diese werden dann nach Berlin gebracht und dort von einem Dendrochronologen auf ihr Alter bestimmt. Hierzu ist die Ringstärke von sehr großer Bedeutung.

Der Genthiner: Was ist, wenn Knochen gefunden werden?

Dominik Petzold: Auch hier sind wir Archäologen gefragt. Die Anthropologie ist Bestandteil unseres Studiums. Anhand der Knochenreste können das Alter, Geschlecht, Krankheiten und die Herkunft eines Menschen bestimmt werden.

Der Genthiner: Sie waren während ihres Studiums nicht nur in Deutschland tätig. Wohin hat ihre Arbeit Sie bereits verschlagen?

Dominik Petzold: Ich war bereits im Jemen, in Äthopien, Algerien und Katar. Regional habe ich aber immer hier in Deutschland weitergearbeitet.

Der Genthiner: Welcher Fund bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Dominik Petzold: Im Jemen haben wir bei Ausgrabungen 2000 Jahre alte Armreifen gefunden. Diese hatte eine Mutter damals für ihre Zwillinge hergestellt. Das verriet die Inschrift. Ebenfalls haben wir dort einen beschrifteten Gedenkstein für einen bis dato unbekannten König entdeckt. Mit jeder Ausgrabung unternimmt man immer eine kleine Zeitreise, das fasziniert mich. Jeder Auftrag ist etwas besonderes und jeder Fund ist einzigartig.

Der Genthiner: Ihre Arbeit nimmt sicher viel Zeit in Anspruch.

Dominik Petzold: Ich mache meinen Beruf sehr gern. Ich bin auch als ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger unterwegs und führe Besuchergruppen durch das Pergamon-Museum in Berlin.