Burg (lau). Im Jerichower Land wird es in Zukunft einen grünen Urwald geben. Was sich im ersten Moment seltsam anhört, ist ganz leicht zu erklären: Mit der Initiative „Nationales Naturerbe“ (NNE) des Bundes sollen Waldflächen sich selbst überlassen und so die biologische Vielfalt erhalten und erhöht werden.

Die Initiative des Bundes läuft bereits seit dem Jahr 2005. Hierbei verzichtet der Bund auf den Verkauf wertvoller Naturflächen im Bundeseigentum und überträgt diese unentgeltlich an die Länder sowie an Naturschutzverbände und -stiftungen. Auf einigen der Flächen übernimmt der Bund selbst die Naturschutzaufgaben. Diese Flächen tragen den Titel „Bundeslösung“ und werden von den Bundesforstbetrieben gepflegt. Insgesamt umfasst das „Nationale Naturerbe“ bundesweit rund 156.000 Hektar, die Auswahl der NNE-Flächen erfolgte durch das Bundesamt für Naturschutz gemeinsam mit den Ländern und den Naturschutzorganisationen. Die neuen Flächeneigentümer haben die Verpflichtung, die wertvollen Lebensräume im „Nationalen Naturerbe“ langfristig zu erhalten und zu entwickeln. Es werden dadurch Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sichergestellt. Dies ist ein wesentlicher Beitrag zur Erfüllung der „Nationalen Strategie zur Erhöhung der biologischen Vielfalt“. Sie soll dem Artensterben entgegenwirken, das vor allem durch die starke Intensivierung der Landwirtschaft und die Versiegelung der Landschaften durch Straßenbau und Neusiedlungen verursacht wird. In den Waldflächen des „Nationalen Naturerbes“ hat der Prozessschutz höchste Priorität. Dies bedeutet, dass nach einer gewissen Übergangszeit keine forstliche Nutzung mehr in den ausgewählten Wäldern stattfinden und somit neue „Urwälder“ für künftige Generationen entstehen.
Im Jerichower Land sind die einstigen militärischen Schießplätze Madel, Körbelitz und der Elbeabschnitt zwischen Blumenthal und Parey in das „Nationale Naturerbe“ überführt worden. Um über die Initiative „Nationales Naturerbe“ zu informieren haben Rainer Aumann, Leiter des Bundesforstbetriebs Nördliches Sachsen-Anhalt, und Mitarbeiter Benedikt Zirnsak zu einem Rundgang auf der Naturerbefläche Madel eingeladen. Rund 30 Interessierte, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus den umliegenden Gemeinden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung samt Landrat Dr. Steffen Burchhardt nahmen an der Exkursion teil und ließen sich das Prinzip des „Nationalen Naturerbes“ erklären. Die ausgewählten Flächen, bei denen es sich zum Teil um ehemalige militärische Liegenschaften – so auch in Madel – handelt, seien nicht trotz, sondern gerade durch die frühere militärische Nutzung sehr gut entwickelt. „Hier ist ein Naturpotential entstanden, das einzigartig ist“, so Rainer Aumann. „Dieses Potential wollen wir nun auf Dauer erhalten.“ Benedikt Zirnsak erklärte anhand von vier Kategorien, wie die Urwälder nun entstehen sollen. Zum einen gebe es Flächen, die sofort der Natur überlassen werden. In der zweiten Kategorie ist eine weitere Pflege des Waldes bis zu zehn Jahren vorgesehen. Kategorie drei betrifft mittelfristige Bestände, die noch maximal 30 Jahre unter der Obhut des Menschen bleiben. Die vierte Kategorie bildet eine Sonderform – hier wird ein Eingriff dauerhaft nötig sein. Um beispielhaft zu erklären, die der Rückzug des Menschen aus dem Wald aussehen kann, führten Rainer Aumann und Benedikt Zirnsak die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch den Wald, hin zu entwurzelten Bäumen. Der Sturm, der vor einigen Wochen im Landkreis wütete, legte diese Bäume um und hob die Wurzelteller aus dem Boden. „Die werden hier auch so liegen bleiben“, erklärt Benedikt Zirnsak. „So reichert sich nicht nur Totholz an, es entstehen auch ganz neue, natürlich Lebensräume für Insekten und andere Tiere“. Für die Forstwirtschaft sei es besonders interessant, wie sich der Wald auf natürlichem Wege dem Klimawandel anpasst, ohne dass der Mensch Eingriffe vornimmt.
Um diesen Entwicklungsprozess der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist das Anlegen eines Wegenetzes durch die Liegenschaft geplant. Da die Flächen nicht von Blindgängern oder sonstigen Kampfmitteln beräumt werden, wird das Betreten der Waldflächen verboten bleiben. Entlang ausgezeichneter Wege können sich Spaziergänger und Radfahrer dann jedoch im Wald aufhalten und ihren „Urwald“ vor der eigenen Haustür erleben.