Burg (mey). Während viele Bürger darauf hinfiebern, mit Mitte 60 endlich in das Rentenalter einzutreten, sich zur Ruhe zu setzen und dem Arbeitsalltag den Rücken zu kehren, steht Augenoptikermeister Rudolf Wohlfahrth noch nach Erhalt seines Diamantenen Meisterbriefes täglich in seinem Geschäft.

Jeden Tag von 7.30 bis 18.30 Uhr steht Rudolf Wohlfarth auch mit über 80 Jahren noch seinen Kundinnen und Kunden zur Seite. Vor 60 Jahren hatte der Augenoptikermeister seinen Meisterbrief erworben und so überreichten ihm der Kreishandwerksmeister Konrad Zahn und die Geschäftsführerin Diane Sommer im Namen der Handwerkskammer Magdeburg am Dienstag, 30. Januar 2018, in seinem Geschäft Beyroth Optik die Ehrenurkunde – den Diamantenen Meisterbrief.
Bei frischem Kaffee und gereichten Häppchen wurde sich unterhalten. Der Augenoptikermeister erinnerte sich an sein Studium. 1957 hatte er in Jena seine Prüfung bestanden. Zwei Jahre lang hatte er dort studiert, vormittags den Dozenten gelauscht, nachmittags praktische Erfahrung gesammelt. „Wir mussten erst einmal eine Prüfung bestehen, bevor wir überhaupt zum Studium zugelassen wurden“, erklärte der Jubilar. Zuvor hatte er eine dreijährige Ausbildung zum Optiker absolviert. „Man konnte nicht einfach so Meister werden. Man musste mindestens zwei Gehilfenjahre nachweisen und praktische Erfahrung sammeln, andernfalls hätte man die Aufnahmeprüfung auch überhaupt nicht bestehen können. Außerdem brauchte man eine Delegierung vom Obermeister.“ Damals wie heute wird Nachwuchs-Optikern handwerkliches Geschick nahegebracht. Wohlfarth selbst lernte, Brillengestelle und Werkzeug herzustellen – von der Materialplatte bis zum individuellen Anpassen des Gestells an den Kunden, Handarbeit. Auch seine eigenen Lehrlinge mussten ihre Fertigkeiten in dieser besonderen und filigranen Kunst unter seiner Anleitung schulen. Mit seinen alten Studiumskollegen trifft sich Wohlfarth heute noch jährlich. Erst hatten wir uns immer nur übers Wochenende getroffen. Aber wir leben überall verstreut und mit der Zeit hat es sich so entwickelt, dass die meisten von uns gleich für eine ganze Woche anreisen.“ Treffpunkt ist in jedem Jahr ein anderer. So ist jeder der Kollegen mal dran, seine Heimat vorzustellen.
Rudolf Wohlfarth war der erste in seiner Familie, der sich der Optik verschrieb. Nach seinem Studium zog der Sohn einer Schneiderin nach Burg und stieg in das Unternehmen seines zukünftigen Schwiegervaters mit ein. Gemeinsam mit seiner Frau führte Wohlfarth das 1928 gegründete Unternehmen, das in diesem Sommer sein 90-jähriges Bestehen feiert, weiter. Sollte sich der Jubilar mit dem Diamantenen Meisterbrief doch eines Tages zur Ruhe setzen wollen, wird das Geschäft in Familienhand bleiben. Seine Tochter unterstützt ihn schon heute und reist jeden Mittwoch aus Leipzig an, wo sie selbst einem Zusatzstudium der Optik nachgeht. Wenn es an der Zeit ist, wird sie das Geschäft ihres Vater übernehmen.
Das kann aber noch dauern. Nach 60 Jahren geht Rudolf Wohlfarth immer noch leidenschaftlich seinem Beruf nach. Das ist auch gut so, denn „bei dem Umfang meines Berufslebens bleibt kaum Zeit für Hobbys nebenher.“ Doch trotz seiner Hingabe bekommt auch der Augenoptikermeister die Widrigkeiten der derzeitigen Wirtschaftslage zu spüren. „Das Internet ist auch in dieser Branche der größte Konkurrent. Das Rezept wird schnell eingeschickt, die Modelle kommen direkt nach Hause und können aufprobiert werden, schnell wird bezahlt und der Kunde hat seine neue Brille.“ Dass es dabei um viel mehr geht, als nur um die Frage „Steht mir die?“, wird gern vergessen. Nach wie vor ist es eine Kunst, die viel Erfahrung verlangt, eine Sehhilfe individuell an die Bedürfnisse und an die physiologischen Gegebenheiten des Kunden anzupassen. Die umfangreiche Beratung gehört für Rudolf Wohlfarth natürlich dazu. „An den Augen eines Kunden kann man viel ablesen. Bestimmte Krankheitsbilder zeigen oftmals frühe Symptome.“ Ein Urteil kann der Augenoptikermeister zwar nicht geben, aber nicht selten dankten ihm schon Kunden, die er nach einem tiefen Blick ins Auge zu einem Arzt schickte, um sich auf Diabetes oder Probleme mit dem Blutdruck untersuchen zu lassen. Diesen besonderen Service bietet das Internet ganz sicher nicht an!