Tucheim (mey). Das umstrittene Naturschutzprogramm Natura 2000 trifft in weiten Teilen der Bevölkerung des Jerichower Landes immer wieder auf Widerspruch. Besonders den Tucheimern stoßen die neuen Richtlinien übel auf. Im FFH (Fauna-Flora-Habitatrichtlinie)-Gebiet Fiener Bruch, das sich über mehr als 3.600 Hektar der Einheitsgemeinden Genthin und Jerichow erstreckt, sind nicht nur Landwirte überzeugt, dass die Umsetzung der Naturschutzrichtlinien noch schwerwiegende Probleme nach sich ziehen wird.

Am Montag, 12. Februar 2018, trafen Genthins Bürgermeister, Thomas Barz, der Vorsitzende der Agrargenossenschaft Tucheim, Sören Rawolle, und der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Jerichower Land, Peter Deumelandt, auf den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Umwelt und Energie der CDU-Fraktion des Landtages von Sachsen-Anhalt, Landtagsmitglied Detlef Radke, und den Bundestagsabgeordneten, Bundestagsmitglied Manfred Behrens, um sich über die Problematiken auszutauschen, die mit den neuen Richtlinien des Naturschutzprogramms Natura 2000 einhergehen.

Aus der Praxis:
Detlef Radke hatte die Absicht, sich ein Bild von der Situation vor Ort zu verschaffen. „Durch Natura 2000 wird es Einschränkungen geben“, soviel ist klar. Doch Beschwerden erreichten ihn mehr von privaten als von landwirtschaftlich Betroffenen. Im Interesse des Bundestagsmitgliedes Manfred Behrens lag es, mit Vertretern von Kreis, Kommune und betroffenen Unternehmen ins Gespräch zu kommen, um zu überprüfen, wie von der Europäischen Union gestützte Unternehmungen in der Praxis ankommen.
Diese angesprochenen Vertreter der betroffenen Region waren sich einig, niemand habe Grundsätzlich etwas gegen den Naturschutz oder gegen Natura 2000. „Es liegt mal wieder an der Art der Umsetzung, die einfach nicht funktioniert“, stellte Sören Rawolle von Anfang an klar. Mit der Thematik des Naturschutzes haben die Tucheimer schon seit Jahrzehnten zu tun. Allein der Schutz der Großtrappe beeinträchtige die Landwirtschaft erheblich. „Im Trappenschutz ist seit Jahren zu erkennen, dass die Richtlinien ohne engen Bezug zur Praxis festgelegt wurden“, erklärt Rawolle. Durch die neuen Auflagen werden die Möglichkeiten zu wirtschaften noch mehr beschnitten.
Die Rechnung, die Peter Deumelandt vorlegt, ist simpel, das Ergebnis eindeutig – wo Stickstoff fehlt, kann kein Stickstoff geerntet werden. Durch die neuen Düngevorgaben der FFH-Gebietsauflagen werden Verluste von bis zu 600 Euro pro Hektar entstehen. Der Stickstoff, der in der Symbiose von Pflanzen- und Tierproduktion durch die Einschränkungen der Düngemaßnahmen verloren geht, würde zwangsläufig in Form von importiertem Soja dazugekauft werden. Das Gleichgewicht der Ökologie, das auch in kommerziellen Betrieben präsent ist, würde aus dem Lot gebracht werden.

Starr aber undefiniert:
Allein die Agrargenossenschaft Tucheim sichert über 50 Arbeitsplätze; Arbeitsplätze, die der Region verloren gehen könnten, wenn Natura 2000 zu stark in die Landwirtschaft eingreift. Sören Rawolle und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter fühlen sich im Stich gelassen. „Seit Jahrzehnten wird hier nachhaltig gewirtschaftet. Es ist für uns nicht nachzuvollziehen, weshalb hier mehr oder weniger plötzlich diese extremen Schutzmaßnahmen eingeleitet werden sollen.“ Thomas Barz stimmt ihm zu, als der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft zusammenfasst: „Es werden zu starre, praxisferne Richtlinien festgelegt, die mangelhaft definierte Schutzziele verfolgen.“
Ebenso unrealistisch wird die Überprüfung über die Einhaltung der Richtlinien werden. Diese würde in die Hände des Landkreises fallen. Es würden also Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Jerichower Landes jeden Antrag einzeln bearbeiten und die Voraussetzungen fallspezifisch untersuchen müssen, bevor eine landwirtschaftliche Maßnahme, wie das Schleppen oder Walzen von Grünland durchgeführt werden kann. Für diese Überprüfung werden bis zu zwei Wochen eingeräumt. Zeit, die nicht in den agrotechnischen Terminplan passt.

Entwertung der Flächen:
Thomas Barz sprach sich im Namen der Stadt Genthin schon frühzeitig gegen das Natura 2000-Programm aus. Ihn beunruhigt seit jeher die Aussicht auf den Wertverlust von Grund und Boden in der von den FFH-Richtlinien betroffenen Region. Im ländlichen Raum ist es nicht unüblich, Flurstücke als Altersvorsorge vorzuhalten, doch Flächen, die nur unter Berücksichtigung der extremen Naturschutzvorgaben bewirtschaftet werden können, haben kaum einen ökonomischen Wert.
„Das ist gleichzusetzen mit einer Enteignung der Eigentümer“, pflichtet ihm Sören Rawolle bei. „Mit uns Bewirtschaftern wird diskutiert, aber die Eigentümer werden überhaupt nicht gefragt. Selbst wenn es für uns nicht mehr möglich ist zu wirtschaften, bleiben die Eigentümer die selben. Und die werden ihre Flächen dann nicht mehr los.“ Wirtschaftlich mehr als nur unrentabel.
„Diese Verordnung wurde am Schreibtisch niedergeschrieben. Es fehlt jeder Bezug zu unserer Region“, trägt Rawolle den Kern der Problematik vor. Und der Komplex trägt nationale Dimensionen. Deumelandt erklärt: „Förderprogramme und Auflagen werden in der Theorie und überregional beschlossen. Große Betriebe mit guten Böden, beispielsweise in der Börde, kaufen die schlechten Flächen im Jerichower Land und tragen sie als ökologische Ausgleichsflächen ein. Damit erfüllen sie ihre Vorgaben und bekommen entsprechende Förderungen. Das ist rechtlich möglich, macht aber ökologisch keinen Sinn, weil auf diesen Flächen im Jerichower Land nichts als
Trockenrasen entsteht und der Bodenpreis kaputt gemacht wird“, denn hier wirtschaftende Agrarunternehmen können auf den schlechten Böden nicht das entsprechende Kapital erwirtschaften, um mit der fremden Konkurrenz mitzuhalten. Die Entwertung der Flächen durch Natura 2000 tut ihr Übriges. Teurere Flächen sind noch weniger wert.

Bangen um Existenz und Lebensqualität:
Die Probleme, die mit Natura 2000 einhergehen, betreffen nicht nur private oder landwirtschaftliche Bereiche. Touristische Unternehmen bangen um ihre Existenz. Der Königsroder Hof, beliebtes Ausflugsziel und nicht nur im Jerichower Land eine namenhafte Adresse wäre so stark von den neuen Richtlinien betroffen, dass scheinbar kein realisierbarer Weg in die Zukunft führt.
Stets zukunftsorientiert und nachhaltig zu haushalten ist auch die Grundlage funktionierender Landwirtschaftsbetriebe, hebt Thomas Barz hervor. „Durch die Richtlinien haben die Betriebe gar nicht mehr die Möglichkeit, sich dem Fortschritt anzupassen und sich zu entwickeln.“ Sören Rawolle stimmt zu: „Die Weidehaltung prägt charakteristisch das Bild des Fieners. Wollen wir uns weiterentwickeln, beispielsweise auf den Ökolandbau umsteigen, könnten wir nicht mal die dafür vorgeschriebenen Voraussetzungen schaffen.“ Auch bauliche Schutzmaßnahmen gegen den Wolf würden nicht mehr praktisch umsetzbar sein. Hier stehen sich Verordnungen und Richtlinien einander im Weg. Rawolle zieht das Fazit: „Wir alle haben doch das gleiche Ziel. Wir alle stehen prinzipiell hinter dem Naturschutz. Aber eine Problemlösung muss vor Ort stattfinden und das ist hier einfach nicht der Fall.“
Thomas Barz stimmt zu: „Es fehlt an realistischen, praxisorientierten Entschädigungen.“ Der Bürgermeister gibt Radke und Behrens mit auf den Weg, er sei besorgt, hinter dem Naturschutzprogramm würde der Mensch verloren gehen. Hierbei bezieht er sich auf ein breites Feld der Bevölkerung in der Region, nicht nur auf in der Landwirtschaft Beschäftigte oder Flächeneigentümer.

Fazit des Landtagsmitgliedes:
Detlef Radke nahm die Argumente besorgt auf. Er kann die Befürchtungen der Betroffenen verstehen und sagte zu, die Einwände und die Stimmung, die im Jerichower Land herrscht, in den Landtag mitzunehmen und die Argumente dort vorzutragen und zu verteidigen. Er zog den nüchternen Schluss, Natura 2000 würde mit den derzeit vorgesehenen Richtlinien deutlich gegen die Interessen des ländlichen Raumes sprechen. Bürgermeister Thomas Barz schloss mit der Aussage, er und die Betroffenen aus der Region würden an dem Thema dran bleiben und den nötigen politischen Druck aufrechterhalten.