Jerichower Land (mey). Schon bei „Galileo“, „Taff“ „Abenteuer Leben“ und anderen Wissensmagazinen wurde über die japanische Subkultur in Deutschland berichtet. Doch auch im Jerichower Land herrscht weit verbreitet Skepsis, vor allem den verkleideten Anhängern und Anhängerinnen der Szene gegenüber.

In den Gemeinden des Jerichower Landes fallen sie unter normalen Umständen gar nicht auf. Dennoch gibt es viele von ihnen auch hier – Anhänger und Anhängerinnen der Anime- und Manga-Community. Sehen Leute die bunten und maskierten Gestalten im Fernsehen, reagiert der eine oder andere Uneingeweihte gern mit Vorurteilen und großer Zurückhaltung, dabei haben die Fans von Hellsing, Dragon Ball und Co. allesamt eins gemein, sie sind offen, hilfsbereit und ganz und gar nicht gefährlich.

Animes:
Gerne werden die japanischen Zeichentrickserien (Animes) mit solchen aus Europa und den USA gleichgesetzt. Viele Kinder der 1980er und 90er Jahre hierzulande erinnern sich aber vielleicht noch an den Ausspruch der Eltern und Großeltern, der beim Sehen der Serien während der Kindheit oft gefallen sein dürfte: „Das ist aber ganz schön brutal für einen Kinderfilm!“ In der Tat sind viele Animes keine Serien für Kinder. In einigen japanischen Animes wird überwiegend versucht, den Geschmack Jugendlicher oder junger Erwachsener zu treffen und Probleme anzusprechen, denen sie gegenüberstehen. Gerade in den 90ern wusste man deutschlandweit mit Zeichentrick für Erwachsene jedoch nur wenig anzufangen, selbst in den Synchronstudios des ZDF, wo mitunter teilweise ganze Geschlechter umgewandelt und Geschichten verdreht wurden, um den Anime „kinderfreundlicher“ zu gestalten. Es ist also kein Wunder, dass sich der Irrglaube, Animes wären nur für Kinder, bis heute in vielen Köpfen eingenistet hat. Das heißt, ja, für Kinder sind Animes mitunter wirklich brutal. Aber Kinder sollen auch oftmals nicht angesprochen werden. Ebensowenig wie durch amerikanische Actionfilme.
Das Spektrum der Animes ist genauso weit gefächert wie die Filmkultur in Europa. Es gibt solche wie Heidi – ja, auch diese Serie aus den 1970ern ist ein Anime – die für Kinder gedacht sind, ebenso wie Sailor Moon und OnePiece, die Jugendliche oder junge Erwachsene ansprechen sollen, oder auch echte Horrorstreifen wie Tokyo Ghoul, die genauso blutrünstig sind wie Filme von Quentin Tarantino oder schaurig, wie die Werke Steven Kings. In den deutschlandweit bekanntesten Animes drehen sich die Themen um ganz bekannte Problematiken und Schwierigkeiten, die das Leben in der Gesellschaft bietet. Nicht selten haben die Heldinnen und Helden der Geschichten eine tragische Vergangenheit oder finden sich in einer ungerechten Welt wieder.
Im Vergleich zu amerikanischen oder europäischen Werken findet er oder sie relativ selten die „große Liebe“. Vielmehr geht es darum, Werte wie Bescheidenheit, Höflichkeit, Mut und Fleiß zu vermitteln, wodurch das tragische Schicksal und die schwere Last des Hauptcharakters bewältigt werden kann.

Die Anhänger der Szene:
Und eben diese Werte sind es, die die Mitglieder der Community zu wahren versuchen. Das wird vor allem auf den sogenannten „Conventions“, kurz „Cons“, deutlich, auf den Messen, die Anime-Fans veranstalten, um Gleichgesinnte ganz real und nicht nur übers Internet treffen und sich mit ihnen austauschen zu können. Ja, es gibt Fans, die sich gerne in die bunten Welten zurückziehen, weil sie vor allem Fairness im Leben (ein gutes Herz wird belohnt und jeder wird akzeptiert) zeigen, aber genauso viele Gleichgesinnte stehen auch mit beiden Beinen fest im Leben und gönnen sich in den fremden Universen nur mal eine Pause vom Alltag.

Conventions und Cosplayer:
Sie tragen Masken, überdimensionale Schwerter, bunte Perücken und schwere Rüstungen – die Cosplayer (Cosplay setzt sich zusammen aus „Costume“ = Kostüm und „Play“ = Spiel). Da kann man schon mal Angst bekommen, wenn man den guten Kern im Herzen der Verkleideten nicht zu erkennen vermag. Für viele Anhänger der Szene ist es der absolute Traum, einmal in das Leben des persönlichen Lieblingshelden oder der Lieblingsheldin abzutauchen. Gerade auf Conventions bekommen sie die Gelegenheit dazu.
Jede Menge Zeit, Arbeit, viel Liebe und Hingabe, aber auch Kapital steckt ein Cosplayer in sein Kostüm, das er auf der nächstbesten „Con“ vorführen will. Steckt er oder sie erst in der Verkleidung, scheint Schüchternheit vergessen zu sein. Gerne lassen sich Cosplayer auf ihr auffälliges Outfit ansprechen oder stehen Modell für das eine oder andere Foto. Hinter den größten „Waffen“ (gefertigt aus speziellen leichten und vollkommen ungefährlichen Bastelmaterialien) verstecken sich aufgeschlossene, freundliche Menschen, die fast jederzeit dazu bereit sind, offen und stolz über ihr in stunden- und tagelanger Arbeit gestaltetes Kunstwerk, die Gemeinschaft oder den Lieblingsfilm zu erzählen. Man braucht sich also wirklich nicht zu fürchten, wenn einem ein grimmiger Samurai über den Weg läuft. Auch ganz in der Nähe des Jerichower Landes gibt es eine (wenn auch kleine) Convention. Am Wochenende vom 12. und 13. August 2017 findet im Moritzhof Magdeburg die 14. Contaku statt, wo Cosplayer und andere Anhänger der Community getroffen werden können. Wer Interesse an Größerem hat, kann gern die Manga-Comic-Convention auf der Leipziger Buchmesse oder eine der Conventions in Berlin besuchen, auf der sich des öfteren „Zivilisten“ über die „Subkultur“ austauschen und informieren. Die Conventions sind auch im Internet, meist auf eigenen Seiten wie www.contaku.de zu finden.

Kunst und Literatur:
Dass Animes die Fantasie ihrer Anhänger mindestens genauso sehr anregen, wie „Die Tribute von Panem“, „Harry Potter“ oder andere große Film- oder Buchreihen, ist kein Geheimnis. Fabelwesen und wunderhafte Traumwelten laden dazu ein, Geschichten weiterzuentwickeln oder nach den eigenen Wünschen umzugestalten. So ist es auch in der Anime-Szene Gang und Gebe, sich künstlerisch auszulassen.
Es gibt Schreiber, die ganze Universen neu erschaffen und die geliebten Charaktere neu erfinden. Dabei wird der Fantasie schier keine Grenze gesetzt. Manch unscheinbarem Szenemitglied werden hier wahre Talente entlockt. Mit ihren sogenannten Fanfictions machen sie sich einen Namen. Auch die Saga um Mr Grey ist (wenn auch nicht von einem Anime abgeleitet) das Werk eines Fans, der aus einer vorgegebenen Geschichte etwas Neues erschuf.
In der Szene zum Teil noch bekannter als die vielen Schreiber sind die zahlreichen Fanartzeichner. Die bildhaften Vorlagen aus Animes und Mangas (japanischen Comics) werden künstlerisch neu interpretiert.
Künstler und Schreiber leben sich in ihren Fanarts und Fanfictions aus. Sie führen Geschichten wie Sailor Moon fort, die in sich längst abgeschlossen wurden, schließen Lücken, die die Autoren ließen, finden Hintergründe für Gegebenheiten, die im Original nicht erläutert werden, „entführen“ die Charaktere in andere Welten oder lassen neue Beziehungen zwischen Figuren, die im Original anders zueinander stehen, entstehen. Dabei liefern sie immer neue Werke und kommen dem Wunsch anderer Fans nach, mehr über die Lieblinge erfahren zu wollen. Auf so gut wie jeder Con gibt es für die Zeichner und Bastler auch einen eigenen Künstlerbereich, wo sie ihre Werke vorstellen und künstlerische Dienste anbieten. Auch auf der Contaku in Magdeburg wird es einen solchen Abschnitt geben.