Burg (eb/reh). 22 Schülerinnen und Schüler der siebten, zehnten und elften Jahrgangsstufe des Burger Roland-Gymnasiums unternahmen eine Gedenkstättenfahrt während der Schul-Projektwoche. Eindrücke der einzelnen Tage wurden von beteiligten Schülern und Schülerinnen zusammengefasst.

Erster Tag: Die Anreise
Am 18. Juni 2017 fuhren wir, die 22 Schüler des Burger Roland-Gymnasiums mit unseren Lehrern Herr Kopf und Herr Sieber in das polnische Dorf Treblinka. Unsere für fünf Tage geplante Projektfahrt hat das Ziel, uns mit der Geschichte des Vernichtungslagers Treblinka vertraut zu machen, einem Lager, welches im Bewusstsein vieler Menschen, genau wie Sobibor und Belzec in Vergessenheit geraten ist. Da wir im Geschichtsunterricht das Thema behandelt hatten, denken wir, dass uns diese Projektfahrt helfen würde, das Thema besser zu verstehen. Mit Spannung erwarteten wir die nächsten Tage der Fahrt, in denen wir uns hoffentlich ein besseres Bild von der damaligen Zeit machen können.
Wir trafen uns am Sonntagmorgen voller Neugier in der Brüderstraße vor der Schule, wo wir in den Bus stiegen und unsere Fahrt nach Polen ihren Anfang nahm. Während der fast zehnstündigen Fahrt haben wir nicht nur die wunderschönen Landschaften Polens bewundert, sondern uns mit Filmen und Auszügen aus Büchern inhaltlich auf das Thema eingestimmt. Gegen 20 Uhr kamen wir endlich am Ziel an und waren sofort von der Unterkunft begeistert. Erschöpft von der langen Fahrt, ließen wir den Tag gemütlich ausklingen und fielen erschöpft, aber mit Spannung auf den nächsten Tag ins Bett. Die Idee für die Projektfahrt entstand durch die erfolgreiche Fahrt in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz der Schulklasse 11/3 im vergangenen Jahr. Mit großem Enthusiasmus wurde die Idee für eine ähnliche Projektfahrt aufgenommen.
Pia & Laura

Zweiter Tag: Die Besichtigung der Gedenkstätte
Nach einer langen Busfahrt und kurzen Nacht war die Spannung riesig und bei der morgendlichen Anreise nach Treblinka spürbar. Die vielen verschiedenen Erwartungen prallten auf das Museum und deren Leitung. Nach einer freundlichen Begrüßung und inhaltlichen Einführung in die Gedenkstätte durch den Leiter Dr. Kopowka und unserer persönlichen Dolmetscherin Joanna stimmten uns zwei Dokumentationen auf das Thema „Treblinka, Ort der Erinnerung und Mahnung“ ein. Bei heißem Wetter begann die dreistündige Führung über das Gelände von Treblinka I und II (Arbeits- und Vernichtungslager). Nun war viel Fantasie gefragt, denn nachdem das Vernichtungslager nach einem Aufstand 1943 dem Erdboden gleich gemacht wurde, sich des Ausmaßes der hier begangenen Verbrechen bewusst zu werden. Das Vorstellungsvermögen war um so mehr gefragt, da sowohl die Spuren der Bauten als auch der hier ermordeten fast 900.000 Juden, Sinti und Roma beseitigt wurden. Wir kamen an den symbolisch angedeuteten Gleisen, der Entladerampe und dem Ort der Vernichtung und Verbrennung vorbei. Am dort errichteten Monument für die hier Ermordeten trafen wir auf eine Gruppe aus Israel, die eine Trauerzeremonie mit einem Totengebet durchführten. In einem kurzen Interview erfuhren wir von einem der Beteiligten, dass seine Angehörigen aus Halberstadt hierher verbracht wurden. Das zeigte uns, dass trotz der großen Entfernung dieser Ort uns sehr nah ist und dies ließ niemanden von uns kalt. Im weiteren Verlauf des Rundgangs besichtigten wir die Ausmaße des sich etwa zwei Kilometer von dort entfernten Arbeitslagers, das als Straflager für polnische Bürger errichtet wurde. Den Abschluss unseres Projekttages bildete eine zusammenfassende Präsentation, die uns half, unsere Vorstellungskraft von diesem Ort weiter zu entwickeln. In einer abendlichen Reflexionsrunde, in der wir offen unsere Gedanken und Gefühle reflektieren konnten, versuchten wir das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten. Dieser Tag machte uns besonders nachdenklich, da uns vor Augen geführt wurde, was wir vorher nicht sahen und uns vorstellen konnten. Anschließend formulierten wir unsere Erwartungen an die nächsten Tage, in denen wir unter anderem die Hauptstadt Polens besuchen wollen, um den Zusammenhang zwischen dem Warschauer Ghetto, dem jüdischen Leben und dem Ort der Vernichtung Treblinka herzustellen.
Lena & Virginia

Dritter Tag: Die Gruppenarbeit – Quellenstudium
Der dritte Tag unseres Projektes führte uns erneut zur Gedenkstätte Treblinka. Den Projekttag begannen wir mit einer Dokumentation über die Treblinkaprozesse in den 1970er Jahren, in denen der damals leitende Generalstaatsanwalt Alfred Spieß seine Eindrücke über die Täter des Vernichtungslagers darstellte. Daraus leiteten sich die Fragestellungen für den heutigen Tag – Wer waren die Täter?, Was weiß man über die Opfer?, Gab es Widerstand und Überlebende des Lagers? und Warum ist Janusz Korczak ein Nationalheld in Polen? - ab. Nach einer zweistündigen Quellenarbeitsphase präsentierten wir unsere Ergebnisse vor dem Plenum. Im Anschluss daran diskutierten wir Möglichkeiten des tieferen Zugangs zu diesem historischen Ort, der viel Vorstellungskraft des Besuchers erfordert, da die Spuren der Verbrechen bereits 1944 durch die Nazis vollständig beseitigt wurden. Ein abschließender individueller Rundgang durch das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers war für uns – angesichts der gewonnenen Erkenntnisse – wesentlich intensiver als die Erstbegehung.
Sophie & Moritz

Vierter Tag: Auf den Spuren der jüdischen Geschichte von Warschau
Der vierte Tag unserer Studienreise führte uns in die Hauptstadt Polens, Warschau. Während einer dreistündigen Exkursion lernten wir neben den allgemeinen Sehenswürdigkeiten auch die historischen Denkmäler und Bauwerke kennen, die an die Zeit der Besatzung Warschaus durch Nazideutschland erinnern. Darunter befanden sich zum Beispiel einige erhaltengebliebene Stücke der Mauer des Warschauer Ghettos, eines der ehemaligen 22 Zugangstore, die Synagoge und die in ihrer historischen Substanz erhaltene Trennungsstraße des kleinen und großen Ghettos. Stellvertretend für viele Denkmäler ist der Umschlagplatz zu nennen, von dem die Deportation von mehr als 300.000 Insassen des Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka erfolgte. Nach einer kurzen Besichtigung des wiederaufgebauten mittelalterlichen Stadtkerns stand die Besichtigung des „POLIN“-Museums auf dem Plan. Der Fokus unseres Besuches lag auf dem Abschnitt „Das Leben der polnischen Juden im 20. Jahrhundert“. Eine multimedial sehr aufwendig gestaltete Ausstellung vermittelte ein eindrucksvolles Bild von diesem Leben. Dieses Museum ist aber nicht nur durch seine herausragende Architektur und inhaltliche Gestaltung beeindruckend, sondern auch durch den Ort, an dem es errichtet wurde. An dieser Stelle begann der Warschauer Ghetto-Aufstand, zu dessen Gedenken ein Monument errichtet wurde. Weltberühmt wurde dieses Denkmal durch den Kniefall von Willy Brandt im Dezember 1970 als Zeichen der Vergebung für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Die abschließende Reflexionsrunde in unserer Unterkunft an der Bug wurde durch einen Grillabend abgerundet.
Friedericke & Daria

Fünfter Tag: Schulbesuch und Rückreise
Der letzte Tag unserer Projektfahrt stand im Zeichen des Austausches mit Schülern eines polnischen Gymnasiums in Siedlce. Den Kontakt vermittelte unsere als Dolmetscherin fungierende Joanna Swiderska, die an der dortigen Schule als pädagogische Mitarbeiterin tätig ist. Zusammen mit einigen geschichtsinteressierten Schülern erkundeten wir in kleineren Gruppen das Schulgelände und redeten über die unterschiedlichen Methoden der Aufarbeitung deutsch-polnischer Geschichte. In den Kleingruppen ging es aber nicht nur um das Thema Holocaust und dem Umgang mit dem Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht, sondern auch um Themen wie dem polnischen Schulsystem und allgemeine Fragen, die Schüler interessieren. Eine Vorstellung in dem neu eingerichteten Planetarium des Bolesława Prusa- Gymnasiums bildete den Abschluss unseres Kurzbesuches. Auf der Fahrt nach Hause stellten sich dann viele die Frage, was uns von diesem Projekt bleibt, sobald wir in Burg aus dem Bus aussteigen und sich unsere Wege durch die beginnenden Ferien trennen werden. Besonders eingeprägt haben sich Biographien von Menschen, die im Vernichtungs- und Arbeitslager umgekommen sind oder dieser Hölle entkamen. Beispielhaft sind hier Janusz Korczak, der mit seinen Waisenkindern in den Tod gegangen ist und Anna Zaleska, die mit ihren 14 Jahren das jüngste Opfer im Arbeitslager Treblinka war, zu nennen. Die vielen von uns gewonnenen Eindrücke werden wir nicht nur in einer Dokumentation, sondern auch in einer Vorstellung im Gymnasium präsentieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein ganz besonderer Dank gilt den Sponsoren, der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, der Bethe-Stiftung Köln und der IBB gGmbH, die zusammen diese Fahrt erst ermöglicht haben.
Jasmin & Sandra