Möser (mey). Es klingt wie das Drehbuch für einen emotional aufrührenden Samstagabendkrimi oder wie der Stoff eines tragischen Romans. „Ich suche meine tote Tochter, die noch lebt“, sagte Frank Zielinski am Empfang des Pressehauses von „Der BurgSpiegel“. Schnell wird klar, dass er sich diese Geschichte nicht ausgedacht haben kann.

Melanie Zielinski wurde am 1. Mai 1984 geboren. Am 2. Mai 1984 verstarb sie. Am 3. Mai wurde sie verbrannt, am 4. Mai obduziert. Ihre Asche wurde am 16. Mai 1984 abgeholt. So steht es in den Akten. Die Frage, weshalb ein verstorbener Säugling verbrannt und am nächsten Tag erst obduziert wurde, ließe sich separat betrachtet mit Aktenwirrwarr, mit einem Drauf und Drunter im hektischen Klinikalltag erklären. Wird der Fall in aller Komplexität betrachtet, ist sie nur ein weiteres Indiz dafür, dass Melanie eben nicht verstarb.
Melanies Eltern trugen ihr erstgeborenes Kind nie nachhause – weder in Windeln gewickelt, noch in einer Urne. Die Ärzte erklärten dieses Kapitel für abgeschlossen. Nur das Mutterherz konnte und wollte sich damit nicht abfinden. Erst 1990 bekam Familie Zielinski die Möglichkeit, Nachforschungen anzustellen. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands kamen neue Rechte. Unbequeme Fragen durften endlich gestellt werden. Das tat das Ehepaar Zielinski auch. Die Reaktion der Ärzte, die bei Melanies Geburt Dienst hatten, verstärkte den Verdacht. Statt Verständnis und Mitgefühl zeigten sie überheblichen Trotz gegenüber der fragenstellenden Eltern. Seitdem ist sich Frank Zielinski sicher, seine Frau hatte recht.
Das Kapitel Menschenhandel und Zwangsadoption in der DDR spricht zweifelsohne ein unbequemes Thema an. Nachgewiesen ist, dass diese Verbrechen verübt und geheimgehalten wurden. Vielen Müttern, die nach Ansicht der Fädenzieher nicht in der Lage waren, ihren Kindern ein stabiles Leben garantieren zu können, wurden ihre Babys direkt nach der Geburt weggenommen. Heute ist bekannt, dass diese nicht selten linientreuen Anhängern der SED zur Adoption übergeben worden.  Anderen Eltern wurde gesagt, ihr Kind wäre während oder kurz nach der Geburt verstorben, stattdessen warteten die neuen Eltern schon vor der Tür. DNS-Tests bescheren Eltern wie „verlorenen Kindern“ Gewissheit.
Frank Zielinski stieß bei der Suche nach seiner Tochter und der intensiven Recherche in Krankenhausakten, Dokumenten und Archiven auf jede Menge Unstimmigkeiten und Zeugen. Wo zunächst in den Akten stand, Melanies Asche sei „von Unbekannten“ am 16. Mai 1984 abgeholt worden, wurden erst vor kurzem Nachtragungen gemacht. Auch zu der Hebamme konnte Familie Zielinski Kontakt aufnehmen. Sie bezeugt, lebende und gesunde Kinder seien ihren Müttern weggenommen worden. Den Eltern habe man erzählt, es würde unter einer Hirnhautentzündung leiden und sei deshalb nach Magdeburg verbracht worden. Kurz darauf hätte es dann immer die Botschaft gegeben, das Kind sei dort verstorben, die Klinik würde sich jedoch um alles Weitere bis hin zur Beisetzung kümmern. Eine Beisetzung im Kreise von Eltern und Familie gab es danach jedoch nie - auch nicht für Familie Zielinski. Auf dem Burger Ostfriedhof soll Melanies Asche in einer Patrone zusammen mit anderen Patronen und Urnen ruhen, versehen mit der Kennnummer 185.
Während seiner Suche traf Frank Zielinski auch auf Menschen, die das gleiche Schicksal erlitten haben. In der Gruppe „Zwangsadoption Säuglingstod“ tauschen sie sich aus, teilen ihre Erfahrungen miteinander und suchen gemeinsam nach ihren Kindern, Geschwistern oder Eltern. Einige Familien konnten bereits zusammengeführt werden. Alle Fälle weisen die gleichen Unstimmigkeiten in den Akten auf, die immer gleichen „Ihr Kind ist gestorben. Wir kümmern uns um alles“-Aussagen der Ärzte.
Frank Zielinski geht es nicht darum, die Vater-Tochter-Beziehung zu Melanie frisch aufleben zu lassen. „Ich will nur wissen, ob sie noch lebt“, sagt der suchende Vater. Frauen, die um den 1. Mai 1984 in Burg geboren wurden und die Zweifel an ihrer Vergangenheit haben, seien dazu ermutigt, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Wurden Kinder in der DDR zur Zwangsadoption freigegeben, lief dies über das Jugendamt, es gibt also Aktennachweise. Das ist jedoch nicht der Fall, wenn das Kind direkt weitergegeben wurde, von Anfang an also klar war, dass ein in einem bestimmten Zeitfenster an einem bestimmten Ort geborene Kind bereits wartenden, neuen Eltern versprochen worden war. Dann gibt es keinen Aktenvermerk beim Jugendamt.
Leserinnen und Leser, die sich verunsichert bezüglich ihrer Vergangenheit fühlen und die nach Antworten suchen (ob als möglicherweise adoptiertes Kind oder als Mutter, die bis zur Wende ähnliches erlebte) oder Hinweise geben können, können sich jederzeit mit Frank Zielinski in Verbindung setzen. Kontaktdaten können über das Pressehaus Burg (Magdeburger Straße 43, Telefonnummer 039 21/45 62-0) vertraulich eingeholt werden.