Sehr geehrter Herr Landrat, Sie sind nun bereits mehr als vier Jahre in der Verwaltung. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten bewegt?
Bewegt haben mich Einzelschicksale und Menschen, die sich mit besonderem Engagement für die Gemeinschaft einsetzen. Einige von ihnen durfte ich für ihre wertvollen Leistungen auszeichnen. In unserem Landkreis leben wirklich viele tolle Menschen mit interessanten Geschichten. Außerdem ist es ein sehr gutes Gefühl, das ich immer auf das 500-Mann starke Team der Kreisverwaltung bauen kann. Gemeinsam geben wir unser Bestes für den Landkreis. Aber auch der konstruktive Dialog mit den acht Kommunen des Kreises trägt Früchte. Und nicht zu vergessen, das oft unterschätzte Engagement unserer Ortsbürgermeister. Sie halten „den Laden“ zusammen und sorgen gemeinsam mit den Vereinen vor Ort für ein buntes und abwechslungsreiches Leben in unserer Region. Die Zukunft unseres Landkreises liegt maßgeblich in den Händen des Kreistages, er bestimmt die Rahmenbedingungen. Als Landrat erlebe ich hier bis auf wenige Ausnahmen eine parteiübergreifende und zielführende Zusammenarbeit. Und das, obwohl wir auch schwierige Beschlüsse zu fassen hatten.
 
Mit welchen Entwicklungen über die Jahre sind Sie zufrieden und wo klemmt es noch?
Wenn es geboten ist, handeln wir sehr gründlich und konsequent. Das war unter anderem so, als wir Recht und Ordnung in einer Massentierhaltung durchgesetzt haben oder bei der schwierigen Abwägung zwischen Windenergie und Artenschutz aber auch bei sicherheitsrelevanten Abrissarbeiten. Gleichzeitig haben wir eine stärkere Lösungsorientierung entwickelt. Unser Ziel ist es, mögliche Wege aufzuzeigen. So versteht sich etwa das Bauordnungsamt nicht als „Baupolizei“ sondern agiert als proaktiver und kompetenter Dienstleister. Damit bin ich zufrieden, genauso wie mit dem Image, das wir uns als Arbeitgeber erarbeitet haben. Nur so war es möglich, die vielen erfahrenen Kräfte, die in den letzten Jahren in den verdienten Ruhestand gegangen sind, adäquat zu ersetzen. Gute, qualifizierte, junge Leute entscheiden sich wieder für uns. Außerdem bin ich sehr dankbar, dass wir durch viele Ehrenamtliche insbesondere im Bereich der Feuerwehren, des DRK, des Technischen Hilfswerkes sowie anderer Hilfsorganisationen schlagkräftig und professionell aufgestellt sind. Nur so konnten wir den Vegetations- und Waldbränden in diesem Jahr effektiv begegnen. Aber auch in anderen Bereichen sind unsere Bürgerinnen und Bürger sehr engagiert, sei es in Sport- und Kulturvereinen oder in Seniorenvertretungen. Insofern sehe ich es als kommunale Hauptaufgabe, dieses Engagement, das unsere Gesellschaft so lebens- und liebenswert macht, bestmöglich zu unterstützen.
 
Und womit sind Sie unzufrieden?
Die notwendige und bevorstehende Digitalisierung der Verwaltung stellt uns vor große Herausforderungen. In einer gewachsenen Institution mit über 500 Mitarbeitern und einer extrem hohen Anzahl an Fachanwendungen hat so ein Prozess natürlich seine Tücken. Es kostet sehr viel Zeit und Planung, eine effiziente IT-Infrastruktur aufzubauen. Wichtig ist mir hierbei, dass sowohl für die Kollegen als auch extern für Unternehmen und Bürger ein Mehrwert entsteht. Ich wäre hier gerne schon einen Schritt weiter. Die elektronische Aktenführung und das Ziel, den Bürgerservice vollends digital anzubieten, werden uns als mehrjährige Projekte begleiten.
 
Wie schätzen Sie unsere wirtschaftliche Entwicklung ein?
Sehr positiv. Die Löhne in einigen Branchen steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt stetig und viele unserer Unternehmen sind zukunftsfähig aufgestellt. Die größte Herausforderung für Politik und Wirtschaft ist es, ausreichend geeignetes Personal zu finden. Den landwirtschaftlichen Betrieben hat in diesem Jahr die Dürre besonders zugesetzt. Ich hoffe, dass es den Betrieben gelingt, diese schwere Zeit zu überstehen. Auf meine Unterstützung können sie zählen.
 
Aktuell dominiert wieder einmal die Diskussion ums liebe Geld, viele Gemeinden klagen gegen die Landkreise. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Klar, ist die Haushaltslage angespannt - für Gemeinden wie auch für den Landkreis. Wir alle haben Erwartungen und Pflichtaufgaben, die finanziert werden müssen. Mit der Kreisumlage werden die zu erbringenden Leistungen und Aufgaben der Kreisverwaltung finanziert. Sie ist die wichtigste Einnahmequelle eines Landkreises, da dieser keine Steuereinnahmen hat. Entsprechend wägen wir die kollidierenden Haushaltsinteressen ab und versuchen einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir haben ehrgeizige Ziele für die Region, müssen dabei aber sorgsam mit den finanziellen Mitteln umgehen. Es sei noch einmal erwähnt, dass das Land für eine auskömmliche Finanzierung der Kommunen verantwortlich ist. Die jüngste Anhebung der Finanzmasse auf Vorjahresniveau durch das Land hat den Kommunen zwar kurzfristig Luft zum Atmen verschafft, aber das strukturelle Defizit ist geblieben.
 
Was bedeutet das jetzt konkret für Ihre kommunale Familie?
Es bekommt nicht derjenige mehr Geld oder Aufmerksamkeit, der am lautesten schreit oder sich in Klageverfahren begibt, sondern der mit den besseren Argumenten. Wir haben bei der Festsetzung der Kreisumlage sorgfältig die Finanzsituation der Gemeinden abgewogen und deshalb glaube ich, wird es im Jerichower Land auch keine Klagen geben. Landkreis und Gemeinden halten zusammen, denn das macht uns stark. Aber eines würde uns zukünftig sicher allen helfen - mehr Zufriedenheit und Wertschätzung für die Dinge, die der Landkreis und die Gemeinden umgesetzt haben sowie Verständnis, dass die vielen Wünsche nicht alle gleichzeitig erfüllt werden können. Obwohl sich einiges sehr gut entwickelt, reden wir häufig nur über das, was noch fehlt. Ein wenig Stolz auf das Erreichte würde uns gut zu Gesicht stehen.
 
Hinter Ihnen an der Wand ist ein Plakat mit der Überschrift „Landrat on Tour“. Was hat das zu bedeuten?
Ich hatte mir beim Amtsantritt vorgenommen, den gesamten Landkreis zu bereisen und überall mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ihre Sorgen und Probleme zu erfahren und sofern es dem Landkreis möglich ist, diese anzugehen und zu lösen. Mir bedeutet es sehr viel, für jeden ansprechbar zu sein. Die Begegnungen mit den Menschen im Landkreis gaben mir bisher die meisten Denkanstöße. Auf der Karte habe ich alle Orte markiert, die ich bereits dienstlich besucht habe.
 
Dann sind Sie ja fast fertig?
Nur, wenn mir ein Besuch reichen würde – aber mein Ziel ist es, regelmäßig präsent sein. Natürlich gibt es auch weiterhin die monatliche Bürgersprechstunde im Landratsamt in Burg, aber in zwangloser Atmosphäre ist der Austausch manchmal leichter. Die Karte zeigt aber auch, wie viel im Jerichower Land los ist. Fast jede Ortschaft stellt etwas auf die Beine, das sollten wir uns bewahren.
 
In 2018 haben Sie den Startschuss für umfangreiche Investitionen in die Burger Diesterwegschule und das Europa-Gymnasium Gommern gegeben. Wie ist hier der aktuelle Stand?
Die Kostenentwicklung ist, wie bei vielen Projekten, eine Herausforderung. Aber wir liegen relativ gut in der Zeit und bislang ist die Zusammenarbeit sehr professionell. Mir gefällt es gut, dass sich die Schulen aktiv mit einbringen. Nur so können wir sicherstellen, dass die Gebäude bestens auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind. Am Gymnasium in Gommern wollen wir im kommenden Jahr den Neubau abschließen und vielleicht noch die Renovierung des Altbaus beginnen. Die Sporthalle der Diesterwegschule werden wir 2019 mit einem Sportfest einweihen.
 
Lassen Sie uns einen kleinen Ausblick wagen. Mit welchen Schwerpunkten geht es im Jahr 2019 weiter?
Unsere Fokussierung auf die Sanierung der Schulen wird bleiben. Wir werden hier weitere Millionen investieren. Das nächste Großprojekt ist das Bismarck-Gymnasium in Genthin. Hier soll die Planung vollständig abgeschlossen und das Vorhaben zur Umsetzung vorbereitet werden. Mindestens genauso viel Kraft kostet uns der flächendeckende Breitbandausbau. In 2019 folgt der entscheidende Schritt. Im gesamten Kreisgebiet wurde und wird viel "gebuddelt", im nächsten Jahr gehen nun die Ortschaften nach und nach ans Netz, das wird eine spürbare Verbesserung für tausende Haushalte.
 
Wer ist dafür in Ihrem Hause verantwortlich?
Der Breitbandausbau ist entscheidend für die Entwicklung des Landkreises, deshalb liegt diese Aufgabe ausdrücklich in meiner persönlichen Verantwortung. Solche Dinge gebe ich nicht aus der Hand.
 
Ihr Beigeordneter Thomas Barz ist nun einige Monate im Amt. Wie macht er sich?
Ich bin sehr froh, dass wir die richtige Verstärkung gefunden haben. Thomas Barz hat viele arbeitsintensive Bereiche übernommen, organisiert die Modernisierung der Verwaltung und zusammen entwickeln wir viele neue Ideen und setzen Impulse, um den Landkreis in seiner Gesamtheit weiter voran zu bringen. Der Beigeordnete ist mit Leidenschaft dabei und brennt für die Sache – und passt daher gut ins Team.
 
Was bringt das neue Jahr sonst noch?
Neben den vielen Investitionen und Erneuerungsprozessen in der Verwaltung gilt unser Augenmerk dem Rettungswesen und der Feuerwehr. „Blaulicht“ wird deshalb auch das Motto unseres Neujahrsempfanges im Januar sein. Außerdem soll unter anderem eine Katastrophenschutzübung aufzeigen, wie gut alle Kräfte vorbereitet sind und das Zusammenspiel der Akteure ressortübergreifend geübt werden.
Wir wollen überlegen, wie wertvolles Ehrenamt noch stärker unterstützt und das Potential des Rettungswesen weiter ausgebaut werden kann. Dafür habe ich mir vorgenommen, die Rettungskräfte einen Tag lang bei ihrer Arbeit zu begleiten, um die Abläufe im Einsatz besser zu verstehen.
 
Haben Sie auch in diesem Jahr wieder eine Botschaft an das Jerichower Land?
Ja, erfreuen Sie sich an den kleinen Dingen des Alltags und seien Sie für einander da. Die Lebensqualität in unserem Landkreis hängt nicht von der Infrastruktur oder von kommunalpolitischen Entscheidung ab, sondern von den Menschen. Verschwenden Sie keine Lebenszeit, indem Sie darauf warten, das andere etwas ändern. Lassen Sie uns etwas positiver in jeden Morgen starten, Sie werden überrascht sein, was das bewirkt.